Die archäologischen Ausgrabungen in Otternitz, St. Martin i. S.

Einleitung

Am Nordwesthang des Gmoariegels in Otternitz liegt eine, im Volksmund treffend als Heidenkögeln bezeichnete Gruppe von 12 Hügelgräbern der Römerzeit. Solche für die mittlere Steiermark geradezu landschaftsprägenden Hügelgräber treten erstmals in der Hallstattzeit (6. Jh. v. Chr.) auf. Nach einer Unterbrechung von fast 500 Jahren taucht der Brauch, unter Hügeln zu bestatten, wieder auf, um in 3. Jh. n. Chr. endgültig zu verschwinden.  2002 wurde anlässlich einer Lehrgrabung der Universität Graz ein erster Hügel untersucht. 2003 bot sich in Zusammenarbeit des Archäologielandes Steiermark, des AMS Deutschlandsberg und der Gemeinde St. Martin die Gelegenheit, die durch Raubgrabungen stark in Mitleidenschaft  gezogene und gefähdrtete Hügelgräbergruppe zu ergraben. Die wissenschaftliche Bedeutung der Ausgrabung ist nicht hoch genug zu einzuschätzen: Erstmals überhaupt in der Steiermark konnte eine Hügelgräbergruppe vollständig[1] ausgegraben werden, so daß man einen rund 2000 Jahre alten Begräbnisplatz  in seiner Gesamtheit untersuchen und in Hinblick auf die damalige Bevölkerung betrachten kann.Restaurierung, Bearbeitung und wissenschaftliche Auswertung der Funde und Befunde bedürfen noch einiger Zeit. Das hier gesagte soll und kann nur eine erste Vorinformation bieten.

Grabbau/Grabform

In unserem Gebiet war das Hügelgrab die charakteristische Grabform von der Zeitenwende bis ins 3. Jh. nach Chr. Die Gründe dafür sind noch nicht hinlänglich bekannt. Hinter der Sitte, über den Gräbern Hügel zu errichten, stand  wohl der Gedanke, ein dauerhafte, deutlich sichtbare Grabmarkierung zu hinterlassen. Mitunter kommen zwischen den Hügeln auch Flachgräber vor, solche wurden im Gräberfeld  Gmoariegl aber nicht gefunden.

Daneben gibt es aber auch noch andere, stärker italisch - stadtrömische Grabformen, wie die Römersteine in der Kirche von St. Martin belegen. Die Hügel treten meist in Gruppen, mitunter auch vereinzelt und manchmal als größere Gräberfelder mit bis zu über 100 Hügeln auf. Wo sie noch erhalten sind, sind sie ein Hinweis auf nahe gelegene Siedlungsstellen, deren Friedhöfe sie darstellen. Allein in Otternitz  kann anhand der noch vorhandenen Hügelgräber auf mindestens fünf Siedlungen wohl bäuerliche Anwesen vor 2000 Jahren geschlossen werden.

Von der Sitte, über dem Grab einen Hügel aufzuschütten abgesehen, ist die Art der Beisetzung in den Hügeln bemerkenswert groß. Jedes Grab in den Hügeln weist individuelle Züge auf, die vielleicht auf  letzliche Verfügungen der Verstorbenen ebenso hinweisen wie auch ihre gesellschaftliche und soziale Stellung in einer anderen Welt.Allgemein ist für Otternitz festzustellen, dass die Bestattungen nicht nur überhügelt wurden, sondern öfters noch gesondert eingefriedet und abgedeckt worden sind. In Hügel 2 war die Grablege  an drei Seiten von Holzbrettern eingefriedet. Ihr bemerkenswert guter Erhaltungszustand macht es vielleicht möglich, ein Hügelgrab mittels naturwissenschaftlicher Untersuchungen (Dendrochronologe) auf das Jahr genau zu datieren. Hügel 9 war durch Raubgrabungen gestört; er enthielt den trotzdem den bemerkenswertesten Grabeinbau des ganzen Gräberfeldes. Es handelt sich dabei um eine große Steinkiste (Abb. 1) aus gesägten und behauenen Gneisplatten, die die Bestattung barg. Die Nord-Süd orientierte, etwa 1 m² große Steinkiste war mit einer Deckplatte verschlossen, der Boden mit kleineren Platten ausgelegt; die nördliche Seitenplatte ragte weit über die Deckplatte hinaus, die südliche weist eine reckteckige Ausmeißelung auf.  Direkte Vergleiche sind aus einem Hügelgrab dieser Zeit in der Steiermark[2] noch nicht bekannt. Der spektakuläre Befund steht in auffälligem Kontrast zu Beigabenarmut, nur der Rest einer eisernen Gewandschließe (Fibel) wurde mitgegeben.

Ohne das Einverständnis und großzügige Entgegenkommen der Grundbesitzer wären die Ausgrabungen in diesem Unfang nicht möglich gewesen. Es sei hier Fam. Jauk, Fam. Jöbstl, Fr. Wittmann (alle Otternitz) und Hr. Kiefer (Unterbergla) gedankt; ebenso den von den Grabungen betroffenen Anrainern Fr. Hopiczan, Fam. Lipp und Fa. Wippel (alle Otternitz).Eine vergleichbarer Steinkiste aus einem Hügelgrab ist derzeit nur aus der Umgebung  von Murska Sobota (SLO) bekannt geworden, aber noch nicht publiziert. Es ist geplant, die Steinkiste zu rekonstruieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Bestattungssitten

Mindestens seit dem Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. war bei uns die Brandbestattung regelhaft; Körpergräber tauchen erst im 3. und 4. Jh. nach Chr. auf, wohl im Zuge veränderter Glaubensvorstellungen wie Christentum und orientalische Kulte. Nur Kleinstkinder waren von der Brandbestattung ausgenommen, wie wir aus antiken Quellen wissen. Nach Aufbahrung und Verbrennung der Toten auf dem Scheiterhaufen (Abb.2) wurden das verbliebene Knochenklein (sog. Leichenbrand) mehr oder minder sorgfältig mit mitverbrannten Trachtbestandteilen und Gefäßbeigaben ausgelesen und dann der Bestattung zugeführt. Im Otternitzer  Gräberfeld erfolgte diese in Steinkisten, Steinplattenabdeckungen, Holzeinfriedungen, Gruben in der Hügelaufschüttung und ähnlichem mehr, jedenfalls in jedem Hügelgrab individuell, gemeinsames ist nur in Brandbestattung und Hügelaufschüttung zu erkennen. Urnengräber Deponierung des Leichenbrandes in Gefäßen wurden in Otternitz nicht festgestellt.

In Hügel 4 wurde der Tote an Ort und Stelle verbrannt, daneben bestattet und dann darüber der Grabhügel errichtet. Wo die anderen Verstorbenen verbrannt worden sind, war nicht mehr festzustellen: Ein gemeinsamer Verbrennungsplatz (sog. Ustrina ) muß vorhanden gewesen sein, war aber nicht mehr nachzuweisen.

Abb. 2 Brandbestattung

Beigabensitten/Totenbrauchtum

In beinahe allen archäologisch fassbaren Kulturen war es üblich, die Toten mit Beigaben auszustatten. Erst das Christentum schränkte diese Sitte im Wesentlichen ein. Unterschieden wird zwischen auf dem Scheiterhaufen verbrannten Primär und später bei der Beisetzung mitgegebenen Sekundärbeigaben. Grabbeigaben können als persönlicher Besitz der Toten gesehen werden. Sie stellen aber auch eine Art Identitätsnachweis der Toten dar, ihre status ?und positionsgerechte Eingliederung in eine andere Existenzebene. Für die Archäologie bilden sie eine wichtige Datierungsgrundlage.
Ein Tongeschirrsatz aus mindestens drei Gefäßen für Speise und Trank gehörte zur Grundausstattung. Solche Sets (Abb. 3) aus Krug/Becher, Topf und Schale variierten in ihrer Anzahl, in einigen der Otternitzer Gräber konnten bis zu zwölf Gefäße mitgegeben werden.

Reich mit ihrer Tracht und Schmuck ausgestattet waren zwei Frauengräber. Die paarweise an der Schulter getragenen, großen Bronzefibeln weisen eine  als Damen der gehobenen Gesellschaft aus, die in ihrer spätkeltisch einheimischen Festtagstracht (Abb. 4) bestattet wurde. Fingerring und Brustschmuck einer anderen Frau sind in der mittleren Steiermark damals nicht geläufig gewesen; handelt es sich dabei um eine aus dem heutigen Kärnten stammende, eingeheiratete Dame.

Bemerkenswert ist die Tatsache, daß im Gräberfeld Beigabenreichtum und Aufwand des Grabbaues und der Hügelschüttung nicht miteinander in Bezug stehen, wie das Beispiel des Grabhügels mit der Steinkiste zeigt; wesentliches dazu ist nach Restaurierung und Bearbeitung aller Funde zu erwarten.

Reste von zerschlagenem Geschirr, Feuerstellen und verkohlte Holzreste in den Hügeln und auf ihrer Oberfläche könne als Totengedenkfeiern am Grab interpretiert werden. Aus antiken Quellen ist bekannt, dass sich die Hinterbliebenen an mehreren Tagen im Jahr Totenmahle und Feiern direkt bei den Gräbern abhielten. In Otternitz scheint dieser Brauch nur bei einem Teil der Gräber erfolgt zu sein, die Gründe dafür sind offen.

Grabbrauch und Beigaben zeigen trotz starker individueller Unterschiede doch gut interpretierbare Gemeinsamkeiten auf. Gefäßformen, Tracht und anderes mehr zeigen uns, da es sich bei den im Gräberfeld Gmoakogel um eine einheimische, keltische Bevölkerung zur Römerzeit handelt, die in ihren Gräbern eine gewissen Wohlstand aufweist. In diesen keltischen Wurzeln ist jedoch keine Abgeschiedenheit, regionale Rückständigkeit oder ähnliches mehr zu sehen. Wohlstand, Handel und Kontakte drücken sich beispielsweise in Importen wie Glasgefäßen aus.

Gleichzeitig wird italisch - römisches in Grabbrauch, Beigaben und Kult offensichtlich nicht übernommen. Für den römischen Totenkult so charakteristisches wie Münzbeigabe und Tonlampen konnte hier nicht beobachtet werden und hat wohl keinen Anklang gefunden.

Abb. 3 Tongefäß
Abb. 3 Tongefäß

Anzahl der Verstorbenen und Belegungsdauer des Hügelgräberfeldes

Dabei handelt es sich um zentrale Fragestellungen archäologischer Forschung. Alter , Geschlecht, etwaige an den Knochen erkennbare Erkrankungen (z. B. ernährungsbedingte Mangelerscheinungen) können bei einer geplanten anthropologischen Untersuchung der Leichenbrände abgeklärt werden. Lebenserwartung sowie Altersbestimmung sind nur einige der dabei zu untersuchenden Faktoren. Dadurch gewinnen wir wertvolle Einblicke in Lebensgewohnheiten und Lebensumstände der damaligen Bevölkerung.

Wesentlich und erstmalig für die Steiermark ist auch der Umstand, daß ein Gräberfeld zur Gänze untersucht werden konnte. Zusammen mit der anthropologischen Auswertung bietet sich so die Möglichkeit, Aussagen über eine bestimmte Bevölkerungsgruppe in ihrer Gesamtheit zu eruieren.

Dies bedarf sorgfältiger und andauernder Analysen, so daß hier erste Aussagen vorerst nur grob skizziert werden können:

Im Hügelgräberfeld wurden etwa zwischen 25. n. Chr. bis 125 n. Chr. Geburt bestattet, danach wurden keine Hügel mehr abgelegt. Das Gräberfeld wurde verlassen, nur eine weitere Bestattung wurde mit einem Anstand von mindestens 50 Jahren um 200 n. Chr. in einer seichten Grube auf einem älteren Hügelgrab angelegt. Meist wurde in einem Grabhügel nur eine Person bestattet, in einem Grabhügel fanden sich zwei, in einem weiteren drei Gräber.

Vorerst lässt sich vermuten, dass dort eine vier fünfköpfige, wohl bäuerliche Familie über einen Zeitraum von 100 Jahren bestattet hat.

Die Gründe des Abbrechens des Gräberfeldes sind unklar. Vielleicht gingen sie mit dem Wechsel der Hofstelle einher.

Ausblick

Archäologische Forschung kann und soll nicht Selbstzweck einer Wissenschaft sein. Nicht nur eine wissenschaftliche Auswertung ist geplant. Ziel ist, die Ergebnisse der Bevölkerung zu repräsentieren. Ein archäologischer Lehrpfad ist im Entstehen, Funde und Ergebnisse sollen in absehbarer Zeit im Gemeindegebiet repräsentiert werden.

In Anschluß zu den Ausgrabungen in Otternitz konnte ein noch älteres Gräberfeld der Hallstattzeit in Bergla zum Teil untersucht werden. Über die dort festgestellten, wesentlichen Ergebnisse soll in einem späteren, eigenen Beitrag berichtet werden.

Dr. Wolfgang Artner